Manische Erkrankungen
Die Affektiven Störungen lassen sich grob in zwei Gruppen unterscheiden: Neben der Depression findet sich die Manie. Beide Störungen können als uni- bzw. bipolar auftreten, sowie mono- bzw. polyphasisch. Der Krankheitsverlauf ist nicht zu prognostizieren, es ist immer denkbar, daß bei vorliegenden depressiven Episoden manische Episoden in der Zukunft folgen. Beide Störungsgruppen können wahnhaft auftreten, zusätzlich sind Mischformen bekannt, wie bereits angedeutet. Bei der Depression kann somatisches Syndrom mit einhergehen.
Es lassen sich folgende Untergruppierungen feststellen:
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Depression |
unipolar / bipolar |
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mono- / polyphasisch |
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wahnhaft |
Versündigungswahn
Hypochondrie
nihilistischer Wahn
Verarmungswahn |
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somatisches Syndrom |
melancolic depression
vegetative Symptome |
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Manie |
wahnhaft |
Größenwahn
paranoider Wahn |
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Mischformen |
gemischte Episoden |
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rezidivierende depressive Störungen |
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anhaltende affektive Störungen |
Dauer über mindestens zwei Jahre |
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andere affektive Störungen |
Restkategorie |
Fallbeispiel
39jähriger manischer männlicher Patient befindet sich seit einer Woche in der Klinik. Er empfinde zum Zeitpunkt der Exploration ein subjektiv gutes Befinden und keine Nervosität. Als Aufnahmegrund wird der Wechsel zwischen depressiven zu manischen Phasen mit Suizid genannt. Als Ursache des Entschlusses zum Klinikaufenthalt gibt der Patient das Empfinden allgemeinen Kontrollverlustes an, er erkennt, daß eine frühere Intervention notwendig und sinnvoll gewesen wäre, allerdings habe er erst während des Intensitätsrückgangs der manischen Phase aktiv um Hilfe ersuchen können.
Während der depressiven Phase habe er sich vollständig zurückgezogen, ihm sei keine Aktivität mehr möglich gewesen, ihm war angeblich alles gleichgültig. Seine hauptsächliche Aktivität beschränkte sich auf Grübeln. Diese Phasen dauerten ca. 1 – 3 Wochen. Allgemein empfinde er Existenzängste aufgrund seiner Perspektivlosigkeit, die bei einer Dauer über mehrere Tage zu suizidalen Gedanken führten. Konkrete Pläne seien nach einem Stimmungswechsel wieder verworfen worden.
Der Übergang zur hypomanen Phase sei innerhalb von 30 Minuten möglich. Dann zeige er viele Aktivitäten außer Haus, sei 4-5 Tage nonstop unterwegs. Das Schlafbedürfnis fehle während 3-4 Tagen vollständi. Der Beginn der hypomanen Phase sei gekennzeichnet von einer Übergangsphase, in der er sinnvolle Pläne fasse (Leben ordnen), schließlich würde dies aber durch das Nachholbedürfnis von Erleben und Aktivität ersetzt. Er "mache dann nur noch Party". Schließlich endet diese Phase ausschleichend, indem für die Dauer von 1,5 bis 2 Tagen zunächst wieder an der Realität orientierte Gedanken auftauchten (das "vernünftige Denken der Übergangsphase"), bis die Stimmung wieder depressiv würde.
Während der manischen Phase schätze sich der Patient als enorm leistungsfähig ein, merke aber auch den Rückgang seiner tatsächlichen Leistungsfähigkeit im Laufe der Episode. Die Konzentrationsfähigkeit sei zunächst gut, schließlich wolle er sich allerdings auf gar nichts mehr konzentrieren und "die gute Zeit genießen". In völliger Abkehr zur depressiven Phase sei ihm eine Kontaktaufnahme sehr gut möglich, er finde schnell Kontakte. Die Hochphase wirke allgemein wie ein Rauschzustand, der Patient tätige aufgrund permanenter Selbstüberschätzung hohe Investitionen, die große Kosten verursachten, allerdings fühle er sich trotz Schulden damit nicht belastet. Hinsichtlich seiner Affekte bemerkte der Patient eine erhöhte Gereiztheit, er sei bereits tätlich geworden, wenn man ihn nicht "in Ruhe gelassen" habe, wenn er seine Ruhe hätte haben wollen. Dies sei ihm sehr unangenehm, denn körperliche Gewalt könne er mit seiner Grundeinstellung nicht in Deckung bringen. Allgemein wisse er während der hypomanen Phase allerdings sehr genau, was er tue, dennoch überschreite er Grenzen. So sei er z. B. drei Tage lang nonstop unterwegs, obwohl ihm völlig bewußt sei, daß dies "blödsinnig" sei. Im Zusammenhang mit den hypomanen Phasen verwende der Patient zunehmend Alkohol und Cannabis zu Beruhigung. Stärkere Rauschdrogen seien für ihn während der Phase nicht notwendig, Alkohol verwende er vornehmlich zum Dämpfen (bis zu einer Fl. Wodka/d, "mal mehr, mal weniger"). Während der depressiven Phasen konsumiere er hingegen kaum Alkohol, dieser käme nur bei ganz besonders starken Beschwerden als Ablenkung zur Anwendung: bei Panikattacken (aufgrund seiner Lebensumstände), Existenzängsten, starkem Grübeln.
Der Patient berichtet, daß in der Vergangenheit ein schnellerer Wechsel zwischen den Phasen beobachtbar gewesen wäre. Damals seien die manischen Phasen kürzer gewesen, außerdem haben die Downphasen an Länge zugenommen. Die Ausübung einer Tätigkeit sei ihm nicht möglich. Der Patient sei seit zwei Jahren arbeitslos, ein zuvor aufgenommenes Jura-Studium habe er aufgrund seiner Erkrankung abbrechen müssen, damals habe er nebenbei in einer Bank gearbeitet. Derzeit lebe er von seinen Ersparnissen. Ebenfalls aufgrund seiner Erkrankung sei seine Partnerschaft zerbrochen. Der Patient gibt an, er habe beständig den Ehrgeiz "etwas Vernünftiges zu machen", dies sei ihm jedoch nur in sehr kurzen Phasen möglich. Sein Alltag ist in der Regel durch fehlende Aktivität gekennzeichnet, er nehme sich regelmäßig viel vor, schaffe aber nichts.
Der Patient nehme aufgrund von Angst keine Medikamente, allerdings nehme er sie nun während des Klinikaufenthaltes. Der Patient habe vor etwa 5-6 Jahren den Verdacht entwickelt, krank zu sein. Ein erster Behandlungsversuch seiner Erkrankung liegt 1,5 Jahre vor dem aktuellen Klinikaufenthalt, sein Hausarzt habe ihn nach der Symptombeschreibung für einen Alkoholabhängigen gehalten und einer entsprechenden Behandlung zugeführt, er sei schließlich o. B. entlassen worden und fühlte sich während dieser Zeit grundsätzlich mißverstanden und fehlbehandelt.
Der psychische Befund des Patienten:
Bewußtsein: wach, nicht somnolent
Orientierung: Ort, Zeit, Person, Situation o. B.
Mnestik: Einordnung ins Zeitgitter, Gedächtnis o. B.
Konzentration und Aufmerksamkeit: Aufmerksamkeit o. B., Konzentration phasenabhängig à während der hypomanen Phase schlecht, in der depressiven Phase aufgrund von Grübeln ebenfalls vermindert
Abstraktions- und Auffassungsvermögen: o. B.
Intelligenz: aufgrund der Biographie als hoch angenommen
Denken:
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formal: Denken in depr. Phasen verlangsamt, in hyp. Phasen beschleunigt in hyp. Phasen zeigt sich Weitschweifigkeit u. Zerfahrenheit (Zusammenhang und Bezug zwischen den einzelnen Gedanken nicht immer gegeben)
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inhaltlich: Wahn - Irreale Überzeugungen, von denen der Patient nicht abzubringen ist
Wahrnehmung und Sinnestäuschungen: o. B. es finden sich keine Halluzinationen oder illusionäre Verkennungen (falsch interpretierte Sinneseindrücke)
Ich-Erleben: o. B. à keine Gedankeneingabe, kein Gedankenentzug, kommt sich nicht selbst fremd vor
Stimmung und Affekt: in depr. Phase erniedrigt, während hyp. Phase euphorisch, reizbar Stimmung (subjektiver Bericht) und Affekt (Beobachtung, Modulation, Labilität, Inkontinenz [Affektdurchbrüche], Inadäquatheit) sind beim Patienten nicht inkongruent
Psychomotorik: die Befindlichkeit wird über Mimik und Gestik geäußert
Angst: Existenzangst mit realer Grundlage
Phobie: o. B.
Zwang: Grübeln
Antrieb und Intentionsbildung: Antrieb (Umsetzung einer Motivation in Handlung oder Gedanken) während der depr. Phase aufgrund von Anhedonie (Löschung der Motivation) vermindert, während der hypomanen Phase verstärkt; Intentionsbildung während der hypomanen Phase oft nicht erkennbar
Suizidalität: erhöht
Besondere Erlebens- und Verhaltensweisen: die Krankheitseinsicht ist während der depr. Phasen hoch, während der manischen Phasen niedrig
Behandlungsansätze
Die Behandlung des manischen Patienten zielt vor allem auf eine Reduktion der Antriebssteigerung. Hinsichtlich der angezeigten medikamentösen Behandlung werden folgende Medikamente empfohlen: Lithium (Primärmedikament, sowohl bei akuter Phase, als auch zur Erhaltung der Rezidivprophylaxe), Valpromat, Carabmazepin, Neuroleptika, Antidepressiva (nur während der depr. Phasen), Sedativa / Hypnotika, Kalziumantagonisten.
Achtung: als hypoman wird eine weniger ausgeprägte manische Symptomatik bezeichnet!
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